Svend Evertz, Geschäftsführer myrate – Regionales Raten Management GmbH

Ein Gespräch über die vielseitige Nutzbarkeit von Verfügbarkeits- und Preisdaten, Daten, die in die Zukunft reichen, und wie Unwetter sich auf das Preisniveau einer Region auswirken.

In den vergangenen Jahren war immer wieder von Daten die Rede – aber es fehlten die praxisnahen Anwendungen. myrate startet gerade durch, liefert unter anderem Daten an den neuen Schwarzwald-Monitor, ein Dashboard der Schwarzwald Tourismus GmbH. Was genau liefert myrate?

Das Projekt Schwarzwald-Monitor ist ein ausgesprochen umfangreiches und anspruchsvolles Projekt. Wir liefern hier für alle online buchbaren Beherbergungsbetriebe der Region Verfügbarkeits- und Preisdaten. Das Besondere dabei ist, dass diese Daten sich nicht auf die Vergangenheit beziehen, sondern wir füttern das Dashboard mit Daten, die 365 Tage in die Zukunft reichen und aktualisieren diese Daten wöchentlich. Somit sind die kleinsten Veränderungen im Markt erkennbar.

Ist eine Aufbereitung für jede Destination möglich?

Die Aufbereitung erfolgt so, wie es der Kunde – also zum Beispiel ein TVB, eine DMO oder auch ein Hotelentwickler – braucht und wünscht. Es kann also jede Destination – egal wie groß oder klein – mit unseren Daten arbeiten und davon profitieren.

Was kann man als Destination mit diesen Daten anfangen?

Das ist ganz unterschiedlich und von Region zu Region verschieden. Zum einen kann die STG umfangreiche Statistiken erstellen, um Verfügbarkeiten, Preis- oder auch Bewertungsniveaus der Gastgeber messbar zu machen. Das zweite große Thema ist die Messbarkeit von Events. Das bedeutet, anhand der Daten kann festgestellt werden, welche Auswirkungen welche Form von Event auf die Beherbergungsbetriebe hat. Die Frage ist ja immer wieder: Ist das Event überhaupt “belegungsrelevant” in meiner Region? Wenn ja, für welche Kategorie der Beherbergungsbetriebe? Das wiederum ist für zukünftige Planungen sicherlich ein wichtiger Aspekt. 

Großes Thema ist der Ganzjahrestourismus. Hier sind die Regionen tatsächlich auf Daten angewiesen, um zum einen beispielsweise gezielt die Schultersaison zu bewerben oder um zu schauen, bei welchen Betrieben jetzt schon in der Nebensaison was los ist oder wo es sich wirklich lohnt das Thema Ganzjahrestourismus in Angriff zu nehmen.

Weiterhin können wir anhand der Daten Hochrechnungen erstellen, wie viele Personen sich in der Region befinden. So etwas ist natürlich auch sehr interessant für die Themen ÖPNV oder auch Gästelenkung. 

Ein anderer Punkt, der leider immer interessanter und relevanter wird, ist die Abbildung von Spontan-Ereignissen, wie zum Beispiel die Schließung einer Attraktion, der Ausfall von Fähren, besondere Verkehrssituationen, die Schließung von Bahnstrecken oder eben auch Wetter-Ereignissen – Stichwort Unwetter. Hier wird in den Daten sofort sichtbar, wie sich diese Ereignisse auf die Belegungssituation bzw. Verfügbarkeiten und das Preisniveau auswirken.

Wie können die Daten dabei helfen?

Über die Daten wird sichtbar, welche Betriebe in der Nebensaison bereits gut gebucht sind. Daraus können dann seitens der Destination Maßnahmen abgeleitet werden, um jene Betriebe noch einmal zu unterstützen, die noch Luft nach oben haben. Etwa durch gezieltes Themenmarketing. Auch für die Gästelenkung, Planung der ÖPNV etc. sind die Daten relevant.

Denken wir an den Insel-Tourismus im Norden Deutschlands: Ohne Fähren läuft hier nichts. Aber wann werden wie viele Fähren bzw. Fahrten gebraucht, ohne dass die Gäste Stunden lang warten müssen? Hier helfen die Daten von myrate, diese Planung aufgrund von aktuellen Daten entsprechend vorzunehmen. Auch könnten ganze Regionen ihre Fahrpläne, z.B. für Bus und Bahn, auf das Gästeaufkommen abstimmen – und zwar nicht aufgrund von Schätzungen, sondern aufgrund von unseren Daten. Ein weiterer Punkt ist die Abbildung von Spontan-Ereignissen, wie z.B. die Schließung einer Attraktion, besondere Verkehrssituationen oder auch Wetterereignisse. Stichwort Unwetter: Hier wird in den Daten sofort sichtbar, wie sich solche Ereignisse auf die Verfügbarkeiten und das Preisniveau auswirken

Wie gut lassen sich aus Daten, die in der Vergangenheit liegen, Trends oder sogar Preisentwicklungen in der Zukunft prognostizieren?

Eine Statistik mit Daten aus der Vergangenheit ist ein gutes Mittel, um zu sehen, wie die Saison gelaufen ist. Aber wie sich die Saison entwickeln wird, kann eine solche Statistik praktisch nicht beantworten. Genau diese Lücke schließen wir mit myrate. Die Region hat die Möglichkeit, sehr genau vorhersehen zu können, wo Buchungsspitzen entstehen und kann so die Gästelenkung entsprechend steuern. Diese Buchungsspitzen können wir nicht nur allgemein über alle Gastgeber sichtbar machen. myrate ist in der Lage, dies heruntergebrochen auf die verschiedensten Kategorien zu tun – von der Berghütte bis zum 5*s-Hotel. So können wir ohne Probleme die Frage beantworten, wie sich die Saison entwickeln wird und auch, ob alle Beherbergungskategorien gleichermaßen gebucht werden oder wo es z.B. noch besonderer Marketing-Aktionen bedarf.

Warum tun sich so viele Gastgeber so schwer mit dynamischen Preisen, obwohl das anderswo längst Standard ist?

Das ist ein vielschichtiges Problem. Zum einen ist das Thema Dynamische Preise – also Revenue Management oder Yield Management – als solches schon eine ziemlich komplexe Wissenschaft. Häufig ist die erste Begegnung mit Revenue Management damit verbunden, dass man auf einen bunten, völlig undurchschaubaren Bildschirm schaut und sich jetzt die große Frage stellt: Was sehe ich da und wie transferiere ich das auf meinen Betrieb?
Die Herausforderung ist hier, die Komplexität an sich, die Unterschiedlichkeit der jeweiligen Betriebe der Region und die sich immer unterschiedlich entwickelnde Saison: Mal Schnee ohne Ende, mal keiner oder Temperaturen unter 15*C an der Küste oder plötzlich tropische Verhältnisse. Die zweite große Herausforderung ist oft die fehlende Zeit der Gastgeber. Gerade in der Parahotellerie sind die wenigsten Unterkunftsanbieter hauptberuflich in dieser Tätigkeit, sondern erledigen ihr Vermietungsgeschäft nebenbei. Hier müssen wir also Daten so aufbereiten, dass jeder mit so wenig Aufwand wie möglich die Trends erkennen und darauf rechtzeitig reagieren kann. So können auch die Betriebe von dynamischen Preisen profitieren, die bisher wenig bis gar keine Ahnung vom Revenue Management hatten. Ziel von myrate ist das Thema dynamische Preise so zu präsentieren, dass jeder, der Lust hat, es versteht. Dazu kommen umfangreiche, auf die Kategorien abgestimmte Trainings und Weiterbildungen, die die Teilnehmer da abholen, wo sie stehen.

Wie wird sich euer Produkt perspektivisch weiterentwickeln bzw. was wünschen sich Destinationen vielleicht noch stärker?

Fangen wir mit der Frage an, was wünschen sich die Destinationen? Wir erleben hier eine intensive Nachfrage nach in die Zukunft gerichteten Informationen. Vor allem in Bezug auf Themen, wie Saison-Entwicklung, Entwicklung von Events, Entgegenwirken großer Buchungslücken oder auch Auswirkungen von Schlechtwetter-Perioden.
Wichtiges Thema ist die generelle Preisentwicklung bei den Unterkunftsanbietern. Sind die Preise in der Region oder Stadt angemessen? Und: Wie viel Spielraum haben wir nach oben oder nach unten? In Zukunft wollen wir noch mehr Daten in unser Tool einfließen lassen. Beispielsweise um das Thema Wetter und seine Auswirkungen noch intensiver zu betrachten. Gleichzeitig aber auch Verkehrsdaten oder auch Mobilfunk-Daten.

Wir beobachten außerdem, wie die Nachfrage nach unseren Daten abseits des Tourismus immer weiter steigt. Vorneweg die Standort-Entwickler, Investoren, Bauherren oder Banken. Sie bekommen die Möglichkeit, geplante Investitionen auf faktischen Daten aufzubauen und gegebenenfalls bestehende Kalkulationen zu prüfen. Auch für die Kettenhotellerie oder sind unsere Daten relevant, um zum Beispiel beim Markteintritt in eine neue Region ein Haus marktgerecht einzupreisen, ohne sich hier in den Markt dumpen zu müssen.


Autor: Celine Thomeczek | (27.09.23)