Jens Ihsen, Geschäftsführer Visit Düsseldorf, über die neue Tourismusstrategie „Future of Tourism Düsseldorf“, die Besonderheiten als eine der erfolgreichsten Event- und Messestädte Deutschlands, und warum nicht mehr Wachstum, sondern intensivere Aufenthalte den Unterschied machen, um Wertschöpfung zu steigern und Erlebnisse zu intensivieren.
Herr Ihsen, viele Gäste kommen nach Düsseldorf – aber sie bleiben oft nicht lange. War das der Ausgangspunkt für Ihre neue Tourismusstrategie?
Jens Ihsen: Düsseldorf geht es im Tourismus gut – und genau das war unser Ausgangspunkt. Wir haben steigende Zahlen, eine hohe Nachfrage im Business- und Eventbereich und sehr zufriedene Gäste. Gleichzeitig sehen wir eine klare Struktur: Viele Besuche sind anlassgetrieben und entsprechend kurz. Zusammen mit der Düsseldorf Marketing GmbH – der von uns beauftragten strategischen Inhouse Beratung der Stadt Düsseldorf – haben wir deshalb genau hingeschaut : Wo entsteht eigentlich Wertschöpfung – und wie können wir aus kurzen Besuchen gezielt längere Aufenthalte entwickeln?
Welche zentralen Erkenntnisse haben sich aus diesen Analysen ergeben?
Jens Ihsen: Eine Schlüsselerkenntnis war, dass Düsseldorf stark anlassgetrieben ist. Ein Großteil unserer Gäste kommt nicht primär wegen klassischer Sehenswürdigkeiten, sondern wegen konkreter Reiseauslöser wie Messen, Kongressen, Konzerten oder Sport‑ und Kulturevents. Gleichzeitig ist die Verweildauer mit durchschnittlich rund 1,6 Übernachtungen relativ kurz. Das ist kein Defizit, sondern eine strukturelle Eigenschaft von Event‑Städten. Entscheidend ist, wie man damit umgeht – und genau hier setzt unsere Strategie an.
Wie lautet die strategische Antwort auf diese anlassgetriebene Gästestruktur?
Jens Ihsen: Wir haben uns klar für einen Ansatz entschieden, der Qualität vor Quantität stellt. Es geht nicht darum, möglichst viele zusätzliche Gäste zu generieren, sondern die bestehende Nachfrage besser zu nutzen. Konkret heißt das: Wir wollen aus Anlassgästen Aufenthaltsgäste machen, die länger bleiben, mehr erleben und damit auch eine höhere Wertschöpfung erzeugen. Dafür müssen Anlässe konsequent weitergedacht werden – touristisch, produktseitig und kommunikativ.
Anlass plus Erlebnis führt zu mehr Aufenthalt – und damit zu mehr Wertschöpfung
In diesem Zusammenhang sprechen Sie von einem Wechsel von Storytelling zu „Storyadding“. Was ist damit gemeint?
Jens Ihsen: Klassisches Destinations‑Storytelling setzt stark am Anfang der Guest Journey an – also bei Inspiration und Relevanzaufbau. Für eine Event‑Stadt wie Düsseldorf ist das jedoch häufig nicht der wirksamste Hebel, weil die Destinations-entscheidung oft bereits durch den Anlass getroffen ist. Unser Ansatz des Storyaddings bedeutet: Wir erweitern bestehende Anlässe gezielt um zusätzliche Erlebnisse. Aus einem Messebesuch wird ein Abend in der Gastronomie, ein Konzert wird zum Wochenendtrip mit Kultur und Stadtleben. Die Idee dahinter ist einfach: Anlass plus Erlebnis führt zu einem intensiveren Aufenthalt – und damit zu mehr Wertschöpfung.
TN‑Deutschland: Welche Rolle spielen dabei Daten und Marktforschung?
Jens Ihsen: Eine sehr zentrale. „Future of Tourism Düsseldorf“ basiert auf einem mehrjährigen Erkenntnisprozess. Wir haben in Zusammenarbeit mit Düsseldorf Marketing umfangreiche Gästebefragungen, Tourismusakzeptanzbefragungen, Bewegungsdatenanalysen bei Großevents sowie erstmals eine detaillierte Erhebung des touristischen Wirtschaftsfaktors durchgeführt. Diese Daten helfen uns, Anlässe zu identifizieren, Zielgruppen besser zu verstehen und Maßnahmen entlang der Guest Journey messbar auszusteuern. Ohne diese Datengrundlage wäre der Strategieansatz weder belastbar noch steuerbar.
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Rolle von Visit Düsseldorf als DMO?
Jens Ihsen: Wir verstehen uns künftig noch stärker als Kooperations‑ und Aktivierungsplattform. Unsere Aufgabe ist es, relevante Anlässe zu identifizieren, Akteure zusammenzubringen und gemeinsam touristische Erlebnisse zu entwickeln und zu vermarkten. Dabei arbeiten wir eng mit Veranstaltern, Hotellerie, Gastronomie, Kulturinstitutionen, Mobilitätsanbietern und der Stadtverwaltung zusammen. Tourismus ist ein komplexes Ökosystem – und hier muss eine moderne DMO heute aktiv agieren.
Inwiefern wurden bei der Strategie auch Perspektiven der Stadtgesellschaft berücksichtigt?
Jens Ihsen: Die Perspektive der Düsseldorfer Bürgerinnen und Bürger war ein fester Bestandteil des Prozesses. Für uns ist die Gastfreundschaft der Menschen und die dadurch entstehende Atmosphäre unsere Düsseldorfer Superkraft. Wir haben dazu eine Tourismusakzeptanzstudie durchgeführt, die zeigt, dass die große Mehrheit der Düsseldorferinnen und Düsseldorfer den Tourismus positiv bewertet und sich weiterhin als Gastgeberinnen und -geber versteht. Diese Akzeptanz ist ein zentraler Standortfaktor. Die Strategie trägt dem Rechnung, indem sie auf Qualitätstourismus, bessere Steuerung von Besucherströmen und Angebote setzt, die auch für Einheimische einen Mehrwert bieten. Tourismus muss langfristig anschlussfähig an Stadtentwicklung und Lebensqualität bleiben.
Wie wird der Erfolg der neuen Tourismusstrategie gemessen?
Jens Ihsen: Unser übergeordnetes Ziel ist die Steigerung der Aufenthaltsdauer auf perspektivisch rund zwei Übernachtungen pro Gast. Darüber hinaus betrachten wir eine Vielzahl von Kennzahlen: Wertschöpfung pro Gast, Ausgabenstrukturen, Aufenthaltsintensität, Gästezufriedenheit, Wiederkehr‑ und Empfehlungsbereitschaft sowie die Tourismusakzeptanz in der Stadt. Diese KPIs sind in einem integrierten System zusammengeführt, das Image‑, Business‑ und Experience‑Ziele gleichermaßen abbildet.
Welche Einordnung würden Sie anderen Destinationen mitgeben, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen?
Jens Ihsen: Entscheidend ist, die eigene Realität klar zu akzeptieren. Düsseldorf ist eine Anlass- und Event-Stadt – und genau darin liegt unsere Stärke. Wer seine Anlässe konsequent nutzt, datenbasiert arbeitet und Angebote gezielt weiterdenkt, kann auch aus kurzen Besuchen deutlich mehr Wirkung erzielen. Am Ende geht es um Klarheit und Fokus, nicht um Wachstum um jeden Preis. Nicht mehr Gäste machen den Unterschied – sondern intensivere Aufenthalte.