„Jede elfte Übernachtung findet im Freien statt“

Stefan Zierke, Präsident des Bundesverbandes der Campingwirtschaft in Deutschland e.V. (BVCD), über den anhaltenden Boom des Segments Caravaning und Camping, sich verändernde Zielgruppen und wo die Plätze beim Thema Digitalisierung Nachholbedarf haben.

Herr Zierke, das Jahr 2025 ist zu Ende und die Zahlen des Statistischen Bundesamtes liegen vor. Mit rund 44,7 Millionen Übernachtungen, ein Plus von 4,2 Prozent gegenüber 2024, hat der Campingtourismus in Deutschland erneut Geschichte geschrieben. Wie erleben Sie diesen anhaltenden Boom als Verbandspräsident?

Stefan Zierke: Das ist ein starkes Signal für die gesamte Branche. 2025 haben wir nicht nur einen neuen Rekord erzielt, sondern Camping endgültig als tragende Säule des Deutschlandtourismus etabliert. Jede elfte Übernachtung findet inzwischen auf einem Campingplatz statt. Das zeigt: Camping ist längst kein Nischenprodukt mehr, sondern fest in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Besonders erfreulich ist, dass wir trotz der wirtschaftlich volatilen Lage ein verlässlicher Wachstumstreiber für den ländlichen Raum geblieben sind.

Trotz der Naturverbundenheit wünschen sich Gäste zunehmend technische Ausstattung. Wie weit sind die deutschen Campingplätze beim Thema Digitalisierung?

Wir haben deutliche Fortschritte gemacht. Dennoch besteht vor allem bei kleineren Betrieben weiterhin Nachholbedarf. Digitalisierung ist längst kein „Nice-to-have“ mehr, sondern betriebsnotwendig. Viele Plätze haben 2025 in leistungsfähiges WLAN investiert, da immer mehr sogenannte „Workation“-Gäste Arbeit und Urlaub verbinden. Doch es geht um mehr als Internetzugang: Entscheidend ist die flächendeckende Echtzeit-Buchbarkeit. Auch digitale Gästekarten, automatisierte Kennzeichenerkennung an Schranken sowie Check-in-Terminals gewinnen an Bedeutung. Diese Lösungen entlasten das Personal, erhöhen die Flexibilität für Gäste und helfen, dem Fachkräftemangel durch effizientere Abläufe zu begegnen.

Wer sind die Camper von heute? Hat sich die Zielgruppe gewandelt?

Die Zielgruppe ist deutlich vielfältiger geworden. Neben klassischen Familien und „Best Agern“ wachsen insbesondere zwei Segmente: junge Paare und sogenannte Urban Nomads. Sie schätzen das Vanlife-Gefühl und die hohe Flexibilität. Zudem gewinnt das Glamping-Segment weiter an Bedeutung. Diese Gäste suchen Naturerlebnis, möchten jedoch nicht auf Komfort verzichten. Camping bildet heute die gesellschaftliche Vielfalt ab, vom Puristen mit Trekkingzelt bis zum Besitzer eines hochwertigen Reisemobils.

Ein Thema, das häufig diskutiert wird, ist der Urlaub mit Haustieren. Wie reagiert die Branche darauf?

Dieser Markt ist sehr bedeutend: Fast jeder dritte Camper reist mit Hund. Viele Plätze haben ihr Angebot 2025 gezielt erweitert mit Hundeduschen, eingezäunten Freilaufbereichen oder sogar Trainingsangeboten vor Ort. Gleichzeitig sorgen klare Regeln dafür, dass sich auch Gäste ohne Haustiere wohlfühlen. Insgesamt beobachten wir hier eine zunehmende Professionalisierung.

Camping gilt als besonders umweltfreundlich. Wie wird dieses Versprechen angesichts des Klimawandels eingelöst?

Nachhaltigkeit ist unsere Grundlage. Wer in der Natur Urlaub macht, möchte sie auch intakt erleben. Für 2026 setzen wir verstärkt auf energetische Unabhängigkeit. Strom spielt auf Campingplätzen eine zentrale Rolle. Ende 2025 haben wir gemeinsam mit der FH Westküste das Förderprojekt „Der regenerativ versorgte Campingplatz“ erfolgreich umgesetzt. Viele Plätze nutzen bereits Photovoltaikanlagen auf Sanitärgebäuden. Da der Strombedarf künftig auch durch zunehmende E-Mobilität steigen wird, müssen wir diesen Weg konsequent weitergehen. Unser Ziel bleibt, den ökologischen Fußabdruck pro Übernachtung kontinuierlich zu reduzieren.

Ein auffälliger Trend sind Investitionen in die Sanitärinfrastruktur. Warum liegt hier ein Schwerpunkt?

Die Ansprüche an Komfort und Privatsphäre sind gestiegen. In einigen Zielgruppen geht der Trend zum Privatbad, das für die Dauer des Aufenthalts gemietet wird. Zudem bieten immer mehr Plätze kleine Saunen direkt am Stellplatz oder im Sanitärgebäude an. Qualität ist zum neuen Standard geworden. Gäste sind bereit, für moderne, saubere und hochwertige Infrastruktur zu zahlen. Wer heute nicht investiert, riskiert, morgen den Anschluss zu verlieren.

Abschließend ein Blick nach vorn: Was erwarten Sie für 2026?

Ich blicke sehr optimistisch auf das kommende Jahr. Die Buchungszahlen für das Frühjahr liegen bereits jetzt auf hohem Niveau. Viele Menschen suchen Sicherheit und Planbarkeit Vorteile, die der Urlaub im eigenen Land bietet. Zudem entlastet die seit Anfang 2026 reduzierte Umsatzsteuer in der Gastronomie die Platzbetreiber mit eigener Bewirtung. Camping bleibt für mich die ehrlichste Form des Reisens 2026 wird das Jahr, in dem wir Qualität und Naturerlebnis noch enger miteinander verbinden. Wir sind bereit für die nächste Rekordsaison.