„Ein KI-Interface ist noch keine KI-Strategie“

Ein Gespräch mit Daten- und KI-Spezialist Stefan Neubig über die ungelösten Fragen der künftigen AI-Architektur für den Destinationstourismus, zentrale Missverständnisse vieler Akteure mit Blick auf KI-Systeme, und die Ziele der ersten Outdooractive AI Conference am 12. und 13. Mai in Immenstadt.

Outdooractive veranstaltet dieses Jahr erstmals eine Konferenz, bei der sich alles um das Thema KI dreht. An wen richtet sich die Veranstaltung? 

Neubig: Unsere erste KI-Konferenz ist im Grunde die Weiterentwicklung der früheren Outdooractive-Konferenzen, bei denen es um innovative Technologien ging. Heute steht Künstliche Intelligenz im Fokus – mit einer klaren Zielgruppe: Verantwortliche aus Destinationen und DMOs, die sich aktiv mit der Frage befassen, wie sie KI sinnvoll in ihre Arbeit einbinden können. Gleichzeitig adressieren wir Wissenschaftler, Technologiepartner und Berater, denn an der Schnittstelle von Forschung, Produktentwicklung und Praxis entscheidet sich, wie aus Innovation konkreter Nutzen für die Branche entsteht. 

Warum braucht es aus eurer Sicht jetzt diese Veranstaltung – auch mit Blick auf die vielleicht ungelösten Architekturfragen von KI-Systemen? 

Der Zeitpunkt ist ideal, weil zentrale Architekturfragen von KI-Systemen noch offen sind: Wie integriere ich KI sicher in bestehende Strukturen? Wie kann ein System autonom agieren, ohne die Kontrolle zu verlieren? Und wem vertraue ich meine Daten an? Viele dieser Fragen lassen sich nur interdisziplinär beantworten – im Austausch von Wissenschaft, Entscheidern, Entwicklern und Praktikern. Für uns ist entscheidend: KI entfaltet ihren Wert nicht durch einzelne Modelle, sondern durch solide Systemarchitektur, die Sicherheit, Vertrauen und Nutzbarkeit vereint. Genau diese Debatten wollen wir aktiv gestalten. 

Was genau steht auf dem Programm – und wie wird die Veranstaltung umgesetzt?

Die Konferenz ist keine klassische Frontalveranstaltung, sondern ein Dialogformat. Wir bringen Menschen zusammen, die an ganz unterschiedlichen Punkten stehen – ob aus Forschung, Produktentwicklung oder Destinationsmanagement – und wollen intensiven Austausch fördern. Statt Vorträgen im Dauerbetrieb setzen wir auf Diskussionen, Praxisbeispiele und gemeinsame Reflexion. Uns geht es darum, kollektive Lernerfahrungen zu ermöglichen: Was funktioniert schon, wo liegen Grenzen, und wie schaffen wir sichere, integrierte KI-Systeme, die touristischen Akteuren echten Mehrwert liefern? 

Aus deiner Sicht als Daten- und KI-Spezialist: Was sind im Moment vielleicht die größten Missverständnisse beim Thema AI?

Ein zentrales Missverständnis ist die Gleichsetzung von KI mit Chatbots oder Sprachmodellen. KI existierte lange vor ChatGPT – sie umfasst Prognosen, Logik, Empfehlungssysteme und viele weitere Anwendungsfelder. Häufig glauben Unternehmen, mit einem KI-Interface hätten sie schon eine KI-Strategie – das stimmt so nicht. Entscheidend sind Integrationstiefe und Anwendungsbezug. Wirklicher Mehrwert entsteht erst, wenn KI eingebettet ist in Prozesse und Systeme, statt isoliert nebenherzulaufen. Genau das verstehen wir unter strategischer KI-Nutzung im touristischen Kontext. 

Du sagst: KI muss ins Produkt, nicht das Produkt in die KI. Dazu habt ihr auch ein neues Patent im Chatbot-Bereich angemeldet. Bitte erkläre uns, was genau dahintersteckt.

Viele Chatbots sind heute bloß Overlays – sie liegen über einer Seite, ohne Kontext oder Interaktionsfähigkeit. Unser Ansatz geht deutlich weiter: Der Chatbot ist Teil der Plattform, bleibt beim Wechsel zwischen Seiten präsent und versteht die Oberfläche, auf der er agiert. Mit unserem Patent ermöglichen wir die direkte Kommunikation zwischen KI und Benutzeroberfläche – die KI kann also Buttons, Slider oder Layer gezielt bedienen. Das schafft eine nahtlose Verbindung zwischen Nutzerinteraktion und KI-Logik – besonders relevant für den Outdoor-Tourismus, wo komplexe Tools intuitiv steuerbar bleiben müssen. 

Was wird KI konkret im Outdoorbereich schon absehbar verändern – und wie prägt ihr als Plattform diese Entwicklung mit? 

KI wird das Outdoor-Erlebnis auf Nutzer- und Destinationsseite grundlegend verändern. Für die Nutzer bedeutet sie deutlich mehr Personalisierung: Routen, Tourenvorschläge oder Empfehlungen passen sich dynamisch an individuelle Interessen, Kondition oder Lebenssituation an – etwa an familienfreundliche Anforderungen oder nachhaltige Präferenzen [1]. KI-gestützte Chatbots eröffnen zudem neue, intuitive Zugänge: Nutzer können in natürlicher Sprache Wünsche äußern und erhalten sofort passende Angebote. Für Destinationen wiederum entsteht ein datenbasierter Blick auf Besucherströme und Interessen. Damit wird effiziente Besucherlenkung möglich – beispielsweise durch Nudging-Mechanismen hin zu umweltverträglicheren Alternativen [1]. KI schafft so Nutzen auf beiden Seiten: individuelles Erlebnis und strategische Steuerung.

Mit welchen Learnings und Erkenntnissen sollen die Teilnehmer nach der Conference im Idealfall wieder nach Hause fahren? 

Wir möchten, dass die Teilnehmer mit einem klaren Verständnis zurückkehren, was KI für ihre Organisation wirklich leisten kann – und wo Grenzen liegen. Es geht nicht darum, Tools unreflektiert zu übernehmen, sondern darum, Architekturprinzipien zu verstehen und übergreifende Strategien zu entwickeln. Wenn nach der Konferenz Entscheider, Forscher und Entwickler gemeinsam an konkreten Integrationsprojekten arbeiten, haben wir unser Ziel erreicht: den verantwortungsvollen, praxistauglichen Einsatz von KI im Tourismus zu fördern – ohne Hype, aber mit nachhaltigem Nutzen für Destinationen und Gäste gleichermaßen.