Dr. Nadine Yarar, Projektleiterin ReiseAnalyse (RA) Business und RA online

Ein Gespräch über die 6. Auflage der „Reiseanalyse Trendstudie“ als datenbasiertes Grundlagenwerk, das die Entwicklungslinien der Urlaubsnachfrage in Deutschland von den 1970er-Jahren bis ins Reisejahr 2035 verbindet, die wichtigsten Trends bis 2035, und warum die größten Überraschungen der Studie oft im Detail lagen.


Mit der 6. Auflage der Reiseanalyse Trendstudie legt die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) erneut ein Grundlagenwerk vor, das die Entwicklungslinien der Urlaubsnachfrage in Deutschland von den 1970er-Jahren bis ins Reisejahr 2035 verbindet. Warum ist der Blick zurück so wichtig, um Aussagen über die Zukunft des Reisens zu treffen?

Yarar: Um die Zukunft des Reisens einzuschätzen, müssen wir zwangsläufig den Blick zurückwerfen. Erst wenn wir wissen, wie wir dahin gekommen sind, wo wir heute stehen, können wir überhaupt abschätzen, welche Entwicklungen künftig wahrscheinlich sind. Wir schauen dafür insgesamt auf die letzten 50 Jahre, legen den Fokus aber vor allem auf die vergangenen zehn bis 20 Jahre. In diesem Zeitraum lassen sich Entwicklungslinien erkennen, die sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch in die nächsten zehn Jahre fortschreiben lassen – natürlich immer innerhalb eines Wahrscheinlichkeitskorridors. Die Corona-Pandemie hat unsere Zeitreihen natürlich zeitweise unterbrochen, aber das wurde methodisch berücksichtigt.

Welche Trends zeichnen sich bis 2035 besonders deutlich ab – und was ist überhaupt in Ihren Augen ein Trend?

Wir sehen einen Trend als eine Entwicklung, die sich in der Vergangenheit und Gegenwart zeigt und bei der man begründet erwarten kann, dass sie sich fortsetzt. Es geht also um aus heutiger Sicht wahrscheinliche Entwicklungen in der näheren Zukunft. Daher ist auch der Blick in die Vergangenheit so zentral. Zudem unterscheiden sich unsere Trends von denen anderer Trendforscher. Denn wir schauen weniger auf schwache Signale oder spekulative Szenarien, sondern auf echte Zahlen: Unsere Daten aus über 50 Jahren erlauben es uns, diese künftigen Entwicklungslinien datenbasiert und somit sehr belastbar abzuleiten. Ein Trend, der sich seit vielen Jahren deutlich zeigt – und vielleicht nicht besonders spektakulär, aber für viele Anbieter zentral ist – ist die große Stabilität der touristischen Nachfrage. Der Bruch den die Corona-Pandemie in die Zeitreihen gebracht hat, ist inzwischen nahezu vollständig korrigiert.

Welche weiteren Entwicklungen sehen Sie in den Daten?

Veränderung sehen wir vor allem bei der demografischen Entwicklung. Ergänzend zu unseren eigenen Zahlen nutzen wir die Prognosen des Statistischen Bundesamtes, die zeigen, dass der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland weiter steigt. Aus unseren Zeitreihen wissen wir, dass diese Gruppe nachweislich anders reist und zum Beispiel häufiger Besuchsreisen zu Familie oder Bekannten unternimmt, was teils auch mit anderen Präferenzen bei der Verkehrsmittel- oder Unterkunftswahl einhergeht. Das wirkt sich auch insgesamt auf das Reisegeschehen aus. Ein weiterer Trend, der klar in Richtung Veränderung weist, ist die zunehmende Nutzung von KI-gestützten Anwendungen im Urlaubsreisekontext. Hier sehen wir eine deutlich dynamischere Entwicklung als damals bei der Internetnutzung und müssen also entsprechend mit einer schnelleren Veränderung des Informationsverhaltens rechnen. Wie stark KI-Tools das tatsächliche Reiseverhalten verändern werden, können wir aktuell noch nicht sagen. Klar ist aber, dass immer mehr Menschen diese Angebote nutzen werden – aktuell vor allem für die Inspirations- und Informationssuche.

Auf welche Entwicklung sollten touristische Akteure und Destinationen bis 2035 auf jeden Fall vorbereitet sein?

Touristische Akteure können sich zunächst über die große Stabilität der Nachfrage freuen. Gleichzeitig müssen sie sich aber auf weiter steigende und sich zunehmend differenzierende Ansprüche an den Urlaub einstellen. Das heißt konkret: Standardangebote funktionieren zwar weiterhin, stoßen aber schneller an ihre Grenzen. Zukünftig werden besonders die Anbieter erfolgreich sein, die ihre Zielgruppen genau kennen und ihre Angebote danach ausrichten – zum Beispiel je nach Lebensphase oder Reisemotiven. Gleichzeitig müssen Akteure mit der schnellen Entwicklung von KI Schritt halten. Aus eigenen Untersuchungen wissen wir, dass bereits heute mehr als zehn Millionen Menschen KI-Tools im Urlaubsreisekontext nutzen – mit deutlich steigender Tendenz. Wer es hier verpasst, das veränderte Informations- und Entscheidungsverhalten oder auch entsprechende Ansprüche zu verstehen, läuft Gefahr künftig nicht mehr berücksichtigt zu werden.

Insgesamt haben sie zehn maßgebliche Entwicklungen identifiziert, die sowohl die Voraussetzungen des Reisens als auch das tatsächliche Reiseverhalten prägen werden. Welche Themenfelder nimmt die Studie gezielt in den Blick?

Wir betrachten alle Aspekte des Reisens: Angefangen von Zeit, Lust und Geld zum Reisen über Motive und Reisevorbereitung bis hin zur konkreten Reisezielwahl und Reisegestaltung, wie Unterkunft, Verkehrsmittel, Ausgaben oder Reisebegleitung. Außerdem betrachten wir diesmal Bade- und Strandurlaube sowie Familienreisen besonders ausführlich, denn diese beiden Reisearten konnten in der Vergangenheit wachsende Marktanteile verzeichnen. Die Entwicklung all dieser Aspekte betten wir in eine Umfeld- und Angebotsanalyse ein, da das Reiseverhalten nie losgelöst von diesen Rahmenbedingungen betrachtet werden kann.

Was hat Sie bei der Auswertung der Daten am meisten überrascht?

Die größten Überraschungen lagen oft im Detail. Insgesamt hat uns vor allem überrascht, wie schnell die Menschen zu einem sehr ähnlichen Reiseverhalten wie vor der Pandemie zurückgekehrt sind. Viele hatten erwartet, dass sich das Reisen dauerhaft verändert, etwa durch weniger Reisen oder andere Zielpräferenzen. Unsere Daten zeigen jedoch etwas anderes: Trotz massiver Einschränkungen und veränderten Reiseerfahrungen sehen wir seit 2023 und vor allem seit 2024 in vielen zentralen Kennzahlen wieder sehr ähnliche Muster wie vor Corona. Trotz aller Krisen bleibt die deutsche Nachfrage erstaunlich stabil. Das zeigt, dass Urlaub für die Menschen ein unverzichtbarer Bestandteil ihres Lebens ist.

Woher kommen die Daten, die Sie für die Studie verwenden?

Die Analysen in der Trendstudie basieren auf den Zeitreihen zu Verhaltensdaten der Nachfrageseite. Die empirische Basis dazu bietet die Reiseanalyse (RA) der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e. V. mit mehr als 50 Erhebungsjahren. Seit 1970 werden jährlich viele tausend repräsentativ ausgewählte Befragte interviewt. Die besondere Stärke dieser Daten liegt in ihrer Langfristigkeit und der hohen methodischen Konstanz. Dadurch sind Entwicklungen über Jahrzehnte hinweg vergleichbar – eine Datenquelle dieser Qualität ist im Tourismus einzigartig.

Die Trendstudie zeigt, dass die Nachfrage trotz Krisen stabil bleibt. Aber die veränderte Reisezielwahl überrascht, inwiefern?

Ohne zu viel vorwegzunehmen, kann ich sagen: Eine strukturelle Verschiebung hin zu klimatisch kühleren oder nördlicheren Reisezielen sehen wir in unseren Zeitreihen bislang nicht. Die Nachfrage nach klassischen Haupturlaubsregionen bleibt weiter sehr stabil. Das zeigt, dass medial stark diskutierte Trends wie die „Coolcation“ bislang nicht durch messbare Veränderungen im tatsächlichen Reiseverhalten belegt werden können.

An wen richtet sich die Studie im Besonderen – und welchen Nutzen kann man konkret aus den Ergebnissen ableiten?

Die Studie richtet sich an touristische Akteure, die strategische Entscheidungen datengestützt treffen wollen. Sie liefert einen fundierten Blick auf die bisherige Entwicklung und zeigt wahrscheinliche zukünftige Trends auf – jenseits von Bauchgefühl. Natürlich sollte dabei immer das eigene Produkt und die jeweiligen Rahmenbedingungen im Blick behalten werden.

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