Vom Industriestandort zur Freizeit- und Tourismusdestination: Oberhausen hat mit seiner Neuen Mitte früh gezeigt, wie Strukturwandel mit und durch Tourismus praktisch gelingen kann. Rainer Suhr, Spartenleiter Tourismus & Marketing bei der OWT Oberhausener Wirtschafts- und Tourismusförderung GmbH, über mutige Entscheidungen, Events als starke Besuchsanlässe und ein Netzwerk, das neue Angebote nicht als Konkurrenz, sondern als Gewinn versteht.
In Nordrhein-Westfalen wird heute noch viel von Strukturwandel gesprochen. Die Ruhrgebietsstadt Oberhausen hat diesen seit dem Aus für die Stahl- und Schwerindustrie zwischen den 1960er und 90er Jahren bereits erfolgreich gemeistert. Aber wie kam man damals ohne Erfahrungswerte auf die Idee, hier auf Freizeit und Tourismus zu setzen?
Suhr: Die Ausgangslage war zunächst gar nicht: Wir machen jetzt Tourismus. Nach dem Abschied von Eisen, Kohle und Stahl standen einfach sehr große Flächen frei, und die klassische Denkweise seinerzeit war: Wo Großes war, muss wieder Großes hin. Das gab es in vielen Industrieregionen. Anfang der 1990er wurde aber klar, dass großindustrielle Ansiedlungen kaum noch realistisch waren – zumal nach der Wiedervereinigung auch eher die neuen Bundesländer bei Förderkulissen im Vorteil waren. Dann kam von außen ein Impuls: Kanadische Investoren präsentierten ein völlig überdimensioniertes Projekt mit Einkaufszentrum, Hotels, Casinos und Steuerparadies. Das passte nicht zu unseren Vorstellungen in Deutschland, aber es brachte die Stadt zum Nachdenken. So näherte man sich der Idee, Freizeit und Tourismus als neue wirtschaftliche Grundlage zu verstehen.
Der Gasometer als erfolgreiche Ausstellungshalle steht sinnbildlich für diesen Wandel. Aber die Abstimmung für den Erhalt dieses Industriedenkmals war denkbar knapp, richtig?
Ja, das stand tatsächlich Spitz auf Knopf. Der Gasometer war damals erst einmal ein Relikt der Montanzeit: groß, grau, unübersehbar an der Autobahn 42 – und viele fragten sich schlicht: Kann das weg? Die Idee, Industrieanlagen nicht abzureißen, sondern neu in Wert zu setzen, war noch nicht selbstverständlich. Es gab wilde Vorschläge: Sprengung, Hochregallager, sogar die größte Coca-Cola-Dose der Welt. Die eigentliche Vision kam dann aus der Internationalen Bauausstellung Emscher Park: Wie kann man das, was wir als Gasspeicher nicht mehr brauchen, als Zeugnis der Vergangenheit erhalten und mit neuem Nutzen versehen? Im Stadtrat fiel die Entscheidung für den Erhalt am Ende mit nur einer Stimme Mehrheit. Wenn an dem Tag jemand krank gewesen wäre, hätten wir heute möglicherweise keinen Gasometer. Manchmal hängt Stadtentwicklung am seidenen Faden.
Einkaufs-Center, Mehrzweckarena, Wasser-Promenade: Die Neue Mitte entstand damals nach amerikanischem Vorbild. Was macht das Areal noch heute in Deutschland einzigartig?
Die Neue Mitte ist bis heute deshalb besonders, weil sie kein einzelnes Projekt ist, sondern ein ganzes Geflecht von Attraktionen und Besuchsanlässen. Natürlich gibt es mit dem Westfield Centro einen starken Konsumanker, im Grunde ein Urban Entertainment Center. Aber die Stadt hat von Anfang an bewusst Gegenpole gesetzt und Ergänzungen geschaffen: Die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen, den Gasometer als Ausstellungshalle, die Arena, das Metronom-Theater, die Gastro-Promenade, später weitere Freizeitangebote. Entscheidend für den nachhaltigen Erfolg war und ist die Mischung – und dass allein im Ruhrgebiet 5,8 Millionen Menschen leben! Man fährt nicht nur zum Einkaufen nach Oberhausen, nicht nur zum Konzert, nicht nur in eine Ausstellung – sondern kann diese Dinge miteinander verbinden. Und genauso wichtig ist die Haltung der Akteure: Ein neuer Partner wird bei uns nicht als Konkurrenz begriffen, sondern als Stärkung des Netzwerks, als weiterer Grund für einen Besuch, von dem am Ende alle profitieren. Gerade diese Dichte, diese gegenseitige Verstärkung der Angebote, macht den Standort bis heute außergewöhnlich.
Mit Karls Erlebnis-Dorf hat dieses Jahr ein weiterer sehr starker Partner eröffnet. Wie wird das neue Angebot angenommen?
Karls ist für die Neue Mitte ein enormer zusätzlicher Besuchermagnet. Schon in den ersten sechs Wochen kamen rund 655.000 Menschen, doppelt so viele wie erwartet. Karls bringt zusätzliches Publikum an den Standort – und zwar auch dann, wenn die Shopping-Mall sonntags geschlossen ist. Gerade an Wochenenden entstehen dadurch neue Frequenzen, von denen viele profitieren: die Gastronomie an der Promenade, die Angebote in der Coca-Cola-Oase, die weiteren Freizeit- und Erlebnisbausteine in der Neuen Mitte. Für Touristiker ist das ein sehr schönes Beispiel dafür, dass ein neuer Besuchsanlass nicht nur ein einzelnes Angebot stärkt, sondern die Aufenthaltsdauer, die Kombinationsmöglichkeiten und die Wahrnehmung des gesamten Areals verändert. Die Attraktivität Oberhausens zeigt sich allein schon in der Anzahl der Tagesgäste: 15 Millionen sind es laut neuen dwif-Zahlen im Jahr. Das sind 70 Tagesgäste pro Einwohner. Zum Vergleich: Düsseldorf kommt als Landeshauptstadt und internationaler Messestandort auf 67. In NRW liegt der Durchschnitt bei 34.
Nur wenige Städte in NRW haben bei den Übernachtungszahlen so zugelegt wie Oberhausen und sind so attraktiv für Hotelansiedlungen. Welche Rolle spielen auch Events bei der Attraktivität des Standortes?
Tatsächlich gibt es wohl nur sehr wenige Städte, die in 30 Jahren ein Übernachtungsplus von 820 Prozent aufweisen können. Im vergangenen Jahr hatten wir mit 612.000 Übernachtungen den höchsten Wert jemals. Für das erste Halbjahr 2026 liegen wir erneut bei plus 12 Prozent. Und Events sind für Oberhausen ein zentraler Reiseanlass. Es gibt Städte, die man besucht, weil man die Stadt an sich sehen möchte – wegen ihrer Schönheit, Atmosphäre oder historischer Substanz. Oberhausen ist aus seiner Geschichte als ehemalige Industriestadt sicher nicht die klassische Städtereisedestination. Dafür gibt es hier starke andere Besuchsgründe: attraktive Freizeitangebote, Ausstellungen, Live-Entertainment. Die Rudolf-Weber-Arena spielt dabei eine große Rolle, ebenso das Metronom Theater, die Turbinenhalle mit Konzerten für mehrere tausend Menschen oder Open-Air Formate wie Ruhr-in-Love. Viele Gäste verbinden den Besuch in Oberhausen: Sie kommen morgens, nutzen Gastronomie oder Shopping, gehen abends zum Konzert – oder machen daraus gleich einen Übernachtungsaufenthalt. Diese Eventorientierung ist ein wichtiger Grund dafür, dass Hotels entstehen und Übernachtungszahlen wachsen.
Gab es von Anfang an eine inhaltliche Klammer, eine Gesamtstrategie – oder hat sich manches rückblickend auch einfach glücklich zusammengefügt?
Ehrlich gesagt, gab es zu Beginn keinen fertigen Masterplan, der jedes Detail der heutigen Neuen Mitte vorhergesehen hätte. Aber es gab von Anfang an die klare Strategie, besondere Attraktionen und Erlebnisse zu schaffen. Vieles entwickelte sich in der Folge durch Diskussionen und Erfahrungen vor Ort, durch externe Impulse und nicht zuletzt durch den einen oder anderen glücklichen Zufall. Und mit jeder neuen Attraktion wuchs die Anziehungskraft des Ganzen: sowohl für Tages- oder Übernachtungsgäste als auch für die Ansiedlung weiterer Highlights. Insbesondere die Eröffnung der ersten Topgolf-Anlage auf dem europäischen Festland hat uns dabei enorm geholfen. Entscheidend war, dass man im richtigen Moment den Mut hatte, etwas ganz Neues zu beginnen und dann immer weiter zu entwickeln. So ist Schritt für Schritt ein Standortprofil entstanden, das Oberhausen ein neues Image, eine neue Perspektive und eine neue wirtschaftliche Grundlage gegeben hat.
Abschlussfrage: Wie geht die Entwicklung der Neuen Mitte in den nächsten Jahren weiter?
Die wichtigste Botschaft ist: Der Standort darf nicht auf der Stelle treten. Die Neue Mitte hat sich in den vergangenen 30 Jahren immer weiter entwickelt, und genau das muss auch in den kommenden Jahren passieren. Es geht darum, den Standort noch attraktiver zu machen, neue Besuchsanlässe zu schaffen und bestehende Angebote sinnvoll zu ergänzen. Fest steht zum Beispiel: Karls Erlebnis-Dorf wird sich vergrößern. Noch vor den Osterferien 2027 soll die erste Erweiterung kommen. Geplant ist unter anderem eine große Achterbahn. Das zeigt sehr gut, wie die Logik des Standorts funktioniert: Ein neuer Akteur kommt, wird angenommen, entwickelt sich weiter – und stärkt damit nicht nur sich selbst, sondern das gesamte Netzwerk der Neuen Mitte als Freizeit-, Tourismus- und Eventdestination.