Lehre, Nachhaltigkeit und Regionalentwicklung zusammendenken

Dr. Heike Döll-König und Prof. Susanne Leder. (v.l.)

Zum kommenden Wintersemester startet an der Fachhochschule Südwestfalen der neue Studiengang Nachhaltiges Tourismusmanagement. Bewusst wird die Lehre dabei mit dem Thema Regionalentwicklung verzahnt. Ein Gespräch mit Prof. Susanne Leder über die inhaltliche Ausrichtung und Dr. Heike Döll-König, Geschäftsführerin Tourismus NRW, über die Rolle als Praxispartner und Impulsgeber

Frau Professor Leder, was genau erwartet die Studenten inhaltlich im neuen Bacherlor-Studiengang?

Leder: Wir verbinden in diesem Studiengang Tourismusmanagement mit Regionalmanagement – und das ist in dieser Kombination tatsächlich neu. Der Tourismus wird also nicht isoliert betrachtet, sondern in Wechselwirkung mit regionaler Wirtschaft, Bevölkerung und Umwelt. Die Studenten lernen, touristische Wertschöpfungsketten zu analysieren, Stakeholder zu vernetzen und nachhaltige Strategien für ganze Regionen zu entwickeln. Themen wie angewandte IT, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz im Tourismus spielen eine zentrale Rolle, ebenso wie regionale Ökonomie und Nachhaltigkeit. Exkursionen führen in unterschiedliche Praxisfelder, etwa auf die ostfriesischen Inseln, wo nachhaltige Tourismuskonzepte bereits umgesetzt werden. 

Das Angebot touristischer Studiengänge ist bundesweit seit Jahren rückläufig. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den neuen Studiengang? 

Döll-König: Weil sich der Tourismus gerade tiefgreifend verändert. Wir erleben, dass touristische Wertschöpfung nicht mehr allein über Gästezahlen definiert wird, sondern über ihren Beitrag zur Regionalentwicklung. Tourismus steht heute für Lebensqualität, Daseinsvorsorge und Standortbindung. Dieser Studiengang reagiert auf den Wandel: Tourismusorganisationen und Betriebe brauchen Fachkräfte, die Tourismus als Querschnittsaufgabe verstehen. Menschen, die Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und ökonomische Stabilität miteinander verbinden können. Dazu passt, dass junge Menschen heute mehr denn je Sinnhaftigkeit in dem suchen, was sie tun. Genau dafür ist der Studiengang, den wir als Praxispartner und darüber hinaus als Türöffner zu Betrieben und Netzwerken begleiten dürfen, gemacht. 

Leder: Ich sehe das ähnlich. Viele klassische Tourismusstudiengänge greifen heute zu kurz, weil sie sich zu stark auf operative Themen wie Preis- und Angebotsgestaltung fokussieren. Doch der Bedarf liegt in strategischen Kompetenzen, in der Fähigkeit, Netzwerke aufzubauen, Regionen zu aktivieren, systemisch zu denken. Nachhaltiges Tourismusmanagement vermittelt diese Fähigkeiten. Wir sehen es also nicht als Nischenfach, sondern die logische Entwicklung einer Branche, die sich in einer Transformation befindet.  

Der Studiengang folgt einem integrierten Ansatz, wie genau wird das mit Leben gefüllt?   

Leder: Unsere Studenten lernen, wie man Akteure aus unterschiedlichen Sektoren zusammenbringt – Unternehmer, Kulturträger, Politik, Bürger – und daraus gemeinsame Entwicklungsprojekte formt. Themen wie Beteiligungsprozesse und Akzeptanzmanagement sind fester Bestandteil der Lehrinhalte. Die jungen Menschen lernen, Regionen als komplexe Systeme zu betrachten, in denen Tourismus, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft miteinander interagieren. Das Ziel ist, die touristische Wertschöpfung so zu gestalten, dass sie in der Region bleibt und möglichst vielen zugutekommt 

Döll-König: Für uns als Praxispartner bedeutet ein integrierter Ansatz, Tourismus im größeren gesellschaftlichen Kontext zu denken. Wir wollen weg von Silostrukturen hin zu integrierten Lösungsketten. Ein gutes Beispiel ist das Münsterland: Dort wird Tourismus explizit als Standortfaktor verstanden, der Wirtschaft, Bevölkerung und Kultur gleichermaßen stärkt. Genau dieses vernetzte Denken wollen wir in die Ausbildung tragen. Das machen wir auch durch Praktika, die wir erstmals gemeinsam mit NRW.Global Business, der Außenwirtschaftsförderung für NRW, anbieten.

Bitte machen sie es noch konkreter. 

Döll-König: Wir bringen als Landesmarketingorganisation die Verbindungen zur Praxis ein. Das betrifft sowohl strategische Fragestellungen als auch operative Einblicke in Projekte. Der Studiengang ist für uns ein Ort des Wissensaustauschs. Wir möchten neue Ansätze testen und unseren Nachwuchs fördern, indem wir den Transfer zwischen Hochschule und Branche aktiv gestalten. Die Studenten profitieren dabei von aktuellen Praxisprojekten, während wir Impulse für die tägliche Arbeit gewinnen. Oder anders gesagt: Wir sorgen mit unseren Netzwerken dafür, dass Ergebnisse auch umgesetzt werden können. Im Idealfall entsteht auf diese Weise ein Kreislauf aus Forschung, Lehre und Praxis, der Innovationen fördert.

Wenn junge Menschen heute etwas mit Tourismus studieren, stellt sich unweigerlich die Frage: Was ist Tourismus?   

Leder: Tourismus ist für mich heute ein integraler Bestandteil regionaler Lebensgestaltung. Es geht nicht mehr nur um das Reisen selbst, sondern um die Balance zwischen Gästen, Bevölkerung und Umwelt. Eine Destination kann nur dauerhaft erfolgreich sein, wenn sie auch für die Menschen lebenswert ist, die dort leben und arbeiten. Insofern ist Tourismus ein Kultur- und Gesellschaftsphänomen, das zusammendenken muss, was lange getrennt war: Freizeit, Wirtschaft und regionale Identität. 

Döll-König: Ich gehe sogar noch weiter: Tourismus ist heute ein Zukunftsthema für ganze Regionen. Er beschreibt die Art und Weise, wie wir Orte gestalten und nutzen – sowohl für Besucher als auch für Einheimische. In NRW berücksichtigen wir das in unseren Strategien, indem wir Tourismus als Plattform für Innovation begreifen. Wenn es gelingt, touristische Angebote in Einklang mit den Bedürfnissen der Bevölkerung zu bringen, entsteht ein nachhaltiger Mehrwert für alle Beteiligten. 

Der Studiengang trägt das Wort „nachhaltig“ im Titel. Was bedeutet Nachhaltigkeit im Tourismus für Sie? 

Leder: Nachhaltigkeit ist seit Jahren ein Leitprinzip unserer Hochschule – und Bestandteil der Lehre auch in anderen Studiengängen. Sie umfasst ökologische, ökonomische und soziale Dimensionen gleichermaßen. Für uns bedeutet das: Tourismus darf keine Belastung für natürliche Ressourcen und lokale Gemeinschaften darstellen, sondern soll Teil einer resilienzfördernden Regionalentwicklung werden. Die Studenten befassen sich etwa mit klimafreundlicher Mobilität, nachhaltigen Beherbergungskonzepten und Kreislaufwirtschaft im Tourismus. In Kooperation mit Betrieben und Destinationen erarbeiten sie praktikable Lösungen, die unmittelbar Anwendung finden können. 

Döll-König: Nachhaltigkeit heißt, Tourismus so zu gestalten, dass Menschen bleiben möchten – Gäste, Betriebe und vor allem Einheimische. Wir sprechen deshalb auch von „Bleibefaktoren“. Eine Region, die Wert legt auf Lebensqualität, kulturelle Vielfalt und ökologische Verantwortung, gewinnt langfristig an Attraktivität. In dieser Hinsicht ist Nachhaltigkeit ein Wettbewerbs- wie auch ein Werteprinzip. Der Studiengang zeigt exemplarisch, wie man diesen Anspruch in konkrete Managementprozesse überführt. 

Zum Schluss: Wie unterscheiden sich die heutigen Studenten von früheren Generationen? 

Leder: Sie sind deutlich reflektierter und werteorientierter. Themen wie Klima, soziale Gerechtigkeit und Digitalisierung stehen für sie selbstverständlich im Mittelpunkt. Gleichzeitig ist diese Generation pragmatisch: Sie will gestalten, Verantwortung übernehmen und Dinge verändern. Als Professorin empfinde ich das als große Chance, weil die junge Generation eine hohe intrinsische Motivation mitbringt. Sie will, dass auch der Tourismus besser und gerechter wird. 

Döll-König: Ich erlebe ebenfalls eine neue Ernsthaftigkeit und Zielorientierung. Junge Menschen fragen heute nicht nur: „Was kann ich verdienen?“, sondern auch: „Was kann ich bewirken?“ Diese Sinnorientierung passt hervorragend zum Thema nachhaltiger Tourismus. Gleichzeitig beeindruckt mich ihr digitales Mindset: Sie denken vernetzt, global, crossmedial – genau das braucht die Branche, die sich gerade neu ausrichtet. Deshalb glaube ich fest: Diese Generation wird den Tourismus von morgen prägen – mit Haltung, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein.