Kai Nehe, Geschäftsführer Papenburg Marketing GmbH

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Ein Gespräch über das Besucherzentrum der Meyer Werft als Alleinstellungsmerkmal und Überthema, die steigende Zahl an Individualisten und deren Ansprüche an Service-Qualität, und warum der persönliche Draht zur Gruppentouristik wichtiger ist als unpersönliches E-Commerce.

 

 

Herr Nehe, Papenburg hat mit der Meyer Werft ein echtes Zugpferd. Wie nutzen Sie den Trend zur Kreuzfahrt, um Gäste anzulocken?

Das Interessante daran ist vielleicht, dass die Leute schon gekommen sind, um sich die Kreuzfahrtschiffe hier anzuschauen, bevor der Trend zu dieser Reiseform in Deutschland überhaupt richtig angekommen war. Wir sind durch die frühe Themensetzung immer noch bei Kreuzfahrtfans und Technikbegeisterten sehr beliebt. Auch wenn wir merken, dass sich Verhalten der Gäste verändert.

 

Inwiefern?

Früher kamen die Leute in großen Gruppen und träumten von einer Kreuzfahrt. Heute sind unsere Besucher viel individueller unterwegs und unglaublich kreuzfahrterfahren. Sie schauen sich die Schiffe an, auf denen sie wirklich reisen werden. Und sie stellen ganz andere Fragen als Mitte der 90er, als das Besucherzentrum der Meyer Werft eröffnete.

 

Wie sah das Besucherzentrum denn damals aus?

Kein Vergleich zu heute. Das war anfangs nur eine kleine Plattform für ein paar tausend Besucher pro Jahr. Aber dann ist das Gästeaufkommen kontinuierlich auf bis über 250.000 Besucher jährlich angestiegen. Das Niveau von rund einer Viertelmillion Gäste halten wir sehr kontinuierlich. Wir merken allerdings: Inzwischen kommen deutlich mehr Individualisten, etwa die Hälfte unserer Gäste organisiert ihren Aufenthalt selbst. Doch das Gruppengeschäft ist mit rund 50 Prozent aller Werftbesucher nach wie vor eine tragende Säule.

 

Was genau bietet Papenburg Busveranstaltern – und wie sieht die Betreuung aus?

Wichtig ist uns das ganzheitliche Erlebnis. Dafür haben wir eine ganze Reihe vorgefertigter Bausteine, die sich die Busveranstalter aber sehr individuell zusammenstellen können. Wir haben eigens ein vierköpfiges Gruppenreisen-Team, das telefonisch erreichbar ist und berät. Der persönliche Draht am Telefon zu den Veranstaltern ist in diesem Bereich wichtiger als das Internet. Wir sind im Juli mit einem Vertriebsteam und eigenen Stand deshalb auf der RDA Travel Expo in Köln. Im Fokus unserer Präsentation dort stehen das Besucherzentrum der Werft und unsere Blumenschau. Dieses Thema Blumen ist übrigens wirklich spannend, weil Papenburg es auch nach der Landesgartenschau 2014 weiterpflegt, auf die Infrastruktur aufsetzt und die erfolgreiche Tradition der Blumenschauen fortsetzt.

 

Kommen eigentlich mehr Besucher, wenn gerade eine AIDA gebaut wird, oder zieht ein NCL-Schiff genauso?

Die AIDA-Schiffe  sind damals wie heute Besuchermagneten. Das merken wir auch in diesem Jahr wieder mit der AIDAnova, die viele Fans der Marke in die Stadt lockt. Aber auch die Schiffe der anderen Reedereien sorgen für Wow-Effekte. Denn auch Royal Caribbean, Disney und NCL bauen spektakuläre Schiffe. Das wissen die Gäste. Und oft sind gerade diese Schiffe interessant zu bestaunen, weil sie eben später nicht in Europa fahren. Der letzte Ausbau des Besucherzentrums war übrigens erst vor drei Jahren, wo wir noch einmal viel ins Interieur und in Medientechnik investiert haben. Es ging in den letzten Jahren jedoch um die Steigerung der Qualität des Besuchs- und Serviceerlebnisses, nicht um die Steigerung der Gästezahlen.

 

Ist es mit einem Besucher-Highlight wie der Werft eher schwerer oder leichter, auch andere Themen zu setzen?

Machen wir uns nichts vor: Die meisten kommen wegen der Kreuzfahrtschiffe nach Papenburg. Ich glaube, wir würden einen großen Fehler begehen, wenn wir versuchen würden, daneben ein gleichwertiges Thema künstlich aufzubauen. Eine Destination muss seine Akzente dort setzen, wo sie stark ist. Und das sind bei uns der Schiffsbau und das Maritime, was wir auch noch viel stärker ausbauen werden. Die Meyer Werft ist bis 2024 mit Aufträgen ausgebucht. Gäste können sich also darauf verlassen, dass immer Schiffe in diesen gigantischen Hallen zu sehen sein werden. Wir bauen um dieses Zuckerstück herum also mit anderen Themen das passende Rahmenprogramm.

 

Wie haben sich die Besucherzahlen mit dieser Investition und der neuen Strategie entwickelt?

Die Zahlen sind seit dem Umbau des neuen Besucherzentrums 2015 konstant stark, bei verbesserter Qualität und liegen stetig bei 250.000 Besuchern im Jahr. Das spricht für sich. Beim Übernachtungsmarkt hatten wir 2004 rund 100.000 Gäste – heute liegen wir bei 300.000 Übernachtungen im Jahr. Auch Tagesgäste kommen heute vielmehr als früher, allerdings lässt sich dieser Bereich schwer beziffern. Aber wenn hier das NDR-Festival oder aktuell eine Schiffstaufe mit David Guetta stattfindet, dann ist Papenburg ausgebucht. Nach der Bekanntgabe, dass David Guetta in Papenburg spielt, war der Event innerhalb einer Viertelstunde ausverkauft. Daran sieht man, wie wichtig Events sind. Diesen Bereich bauen wir auch kontinuierlich aus. Vom Hafenfest über den Konzertsommer bis zum Heißluft-Ballon-Festival gibt es inzwischen viele tolle Veranstaltungen in der Stadt.

 

Papenburg liegt auf dem Weg zur Küste, ist klassisch also eher eine Durchreise-Destination. Ist das eher ein Vor- oder Nachteil?

Wir sehen das als klaren Vorteil in so einem riesigen Gästestrom vom Ruhrgebiet an die See zu liegen. Und die Bereitschaft, zu uns zu kommen und immer häufiger auch ein oder zwei Nächte bei uns zu bleiben, ist absolut da. Denn viele, die schon einmal in der Werft waren, wissen inzwischen, dass wir die „grüne Stadt an der Ems“ mit schönem Stadtkern sind, wunderschöne Parks haben und führend beim Thema Gartenbau sind. Was viele allerdings noch nicht wissen: Wir sind die Kräuterhauptstadt Deutschlands.

 

 Was sind aktuell die Themen, mit denen Sie sich als DMO beschäftigen?

Dazu muss ich erst einmal sagen, dass wir kein rein touristisches Marketing betreiben, sondern Standortmarketing. Unsere Bewohner sind für uns nicht nur eine Zielgruppe, sondern tragen all unsere Aktivitäten durch ihre Akzeptanz mit. Das haben wir immer im Kopf. Es geht also um eine ganzheitliche Entwicklung von Papenburg unter Berücksichtigung der Bereiche Handel, Freizeit und Entertainment, um die Stadt ganzjährig zu bespielen. Und natürlich stehen für uns maritime Themen ganz oben auf der Liste, die wir in Papenburg zukünftig  noch weiter ausbauen möchten. Dazu gehört z.B. die Ergänzung unserer historischen Schiffe in den Kanälen durch den Aufbau eines Museumshafens im Bereich der Alten Werft.

 

Mit Blick nach vorn: Wie wird sich das touristische Angebot in Papenburg weiterentwickeln?

Wir haben in jedem Fall die wichtigsten Trends im Blick und verknüpfen diese sinnvoll mit unseren Angeboten. Aber wir werden das touristische Rad weder neu erfinden noch werden wir wild experimentieren. Viel wichtiger ist, und das gilt für alle deutschen Destinationen, dass man sich auf seine Alleinstellungsmerkmale fokussiert und seine eigene „DNA“ gut kennt und programmiert. Wer eine eierlegende Wollmilchsau sein möchte, wird scheitern. Denn es ist gerade die Individualität seiner Regionen, die den Deutschlandtourismus so erfolgreich macht.