Mobile Kirchen sorgen für Spannungen auf deutschen Campingplätzen

Kirchen werben verstärkt an touristischen Hotspots. Besonders Campingplätze scheinen in den Augen der mobilen Kirchen gut geeignet zu sein, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Problem: Viele Gäste möchten sich und ihre Kinder in der schönsten Zeit des Jahres nicht offensiv mit Glaubensbekenntnissen konfrontiert sehen. Ein Spannungsfeld, das vielerorts in den Sommerferien für wenig Gästezufriedenheit gesorgt hat.

                                                                                            Foto: Screenshot der Seite Kirche Unterwegs

 

Von Anke Zabel

Die Kirchen suchen verstärkt den Kontakt zu Menschen in den Urlaubsgebieten. Nach Recherche von TN-Deutschland werden von den Kirchen in den Sommerferien besonders Campingplätze in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Sachsen, rund um Hannover, in Rheinland-Pfalz, Oldenburg und Westfalen angesteuert, um „die Menschen mit Gott in Kontakt zu bringen“. Wo genau die Mitgliederwerbung das touristische Umfeld nutzt, zeigt etwa die Internetpräsenz „Kirche Unterwegs“, ein Arbeitszweig der Evangelischen Kirche Deutschland.

Von dort wird man zum Beispiel auf die Unterseite „Kirche Unterwegs der Bahnauer Bruderschaft e.V. aus Baden Württemberg“ weitergeleitet. Allein diese christliche Initiative war dieses Jahr mit ihrer mobilen Kirche auf sieben Campingplätzen präsent. Wie für Kirchen üblich, zielt das „Programm“ oft auf Kinder. Es wird gebastelt, gewerkelt und gespielt. Es werden Lieder gesungen, Geschichten erzählt, gibt Theater und Kinoabende. Und in der Regel sind die mobilen Kirchen sehr prominent platziert – etwa in der Nähe der Rezeption, den Spielplätzen oder großen Waschhäusern. Also dort, wo alle irgendwie irgendwann vorbei müssen.

Ein Angebot, das nicht alle Gäste als unproblematisch empfinden. Angesicht der Zahlen von allein 430.000 Kirchenaustritten 2018 dürfte das Engagement der Kirchen in der Urlaubszeit für viele sogar ein Ärgernis sein. Ein Urlauber, dessen Name nicht genannt werden soll, hat das Angebot der Kirche Unterwegs Bayern auf dem Waldcampingplatz am Brombachsee erlebt, „wo die mobile Kirche die Kinder quasi täglich zwischen Spielplatz und Trampolin abfing“, sagt der Vater einer achtjährigen Tochter. Dass die Kleine mit ihren Cousinen täglich mit einem neuen Lobpreis-Gesang vom Ausflug zum Spielplatz zurückkehrte, stieß ihm so böse auf, dass er eine Beschwerde an den Platzbetreiber schrieb. „Da diese dann unbeantwortet blieb, ist der Platz für uns in Zukunft erledigt“, so der 41-Jährige Wohnmobilist, der seit Jahren auch diesen Platz angesteuert hat.

Das Team vom Waldcamping bestätigt auf Anfrage von TN-Deutschland: „Kirche Unterwegs war dieses Jahr für vier Wochen in den Sommerferien bei uns auf dem Patz zu Besuch und hat sehr viel mit den Kindern veranstaltet“. Auch Rainer Ponitka, Pressesprecher des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten, hat ähnliches erlebt und berichtet: „Ich selbst habe das einmal auf einem Campingplatz in der Eifel erlebt, dass eine fundamentalistische Evangelikaler Clique die gesamte Ruhe des Platzes durch frühmorgendliche Andachten und christliche Gesänge bis tief in die Nacht störte.“
Das Konzept der Urlaubskirchen ist stets dasselbe: die Menschen in einer unbeschwerten Atmosphäre zu treffen und so leichter ins Gespräch zu kommen. Neben vielen Angeboten für Kinder stehen dabei auch Lagerfeuerabende für Familien, Sportangebote für Erwachsene und geistliche Impulse auf dem Programm. Die Einrichtung „Kirche unterwegs – Im Urlaub“ der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck, die im Frühjahr und Sommer an verschiedenen Orten in Hessen unterwegs war, sagt dazu, man habe sich auferlegt, Menschen in ihrem Urlaub zu begleiten und dort kreative, kulturelle und sportliche Begegnungen zu bieten, um auf selbstverständliche Weise das Christsein zu praktizieren und Menschen wieder miteinander und mit Gott ins Gespräch kommen zu lassen.
Astrid Polzer, Pfarrerin der Kirche Unterwegs, sagt dazu: „Mich fasziniert meine Arbeit, weil es da so einfach ist, mit ganz unterschiedlichen Menschen ins Gespräch zu kommen. Kirche kann auf dem Campingplatz viel offener agieren als in geschlossenen Räumen. Bei uns kann man von weitem erst einmal schauen, vorsichtig näher kommen und irgendwann sich dazusetzen und mitmachen.“

Für Rainer Ponitka vom Bund der Konfessionslosen und Atheisten geht das allerdings deutlich zu weit: „Religion und auch deren Ausübung sollte Privatsache sein.” Im Urlaub und anderswo. Auch Erwin Schmid, Vorsitzender des Bund für Geistesfreiheit Bayern, äußert sich kritisch zum Thema Campingkirchen. „Kinder durch Spiele anzulocken, um sie für eine religiöse Gruppe zu fangen, untergrabe die selbstbestimmte Religionsmündigkeit von Kindern mit 14 Jahren”, verfasst in Artikel 14 der UN-Kinder-Rechtkonvention.

Die Konstellation Kirche und Camping ist nicht zuletzt deshalb problematisch, weil auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen. Nach TN-Deutschland-Recherchen sparen sich Platzbetreiber für die Zeit, in der die mobilen Kirchen da sind, nämlich die sonst anfallenden Kosten für anderweitige Kinderangebote. Die kirchlichen Angebote auf Campingplätzen finden aber bei immer mehr konfessionslosen Menschen keine gute Akzeptanz. „Die Gästezufriedenheit leidet also unter der Präsenz der mobilen Kirchen“, kommentiert TN-Deutschland Chefredakteur Christian Leetz die Rechercheergebnisse.