Mathias Behrens-Egge, Geschäftsführer BTE – Tourismus- und Regionalberatung

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Ein Gespräch über die Digitalisierung des Wanderns, die Bedeutung von Wegweisern und Apps während einer Tour, und wie genau die Inspirationsphase für oder gegen eine Wanderregion abläuft.

 

Herr Behrens-Egge. Ihre neue Studie trägt den Titel „Die Bedeutung der Digitalisierung für das Wandern“. Welche Aspekte haben Sie sich dafür wie angeschaut?

Auslöser der Untersuchung waren die Anbieter. Regelmäßig werden wir bei der Entwicklung von Wanderangeboten gefragt, ob ein Weg denn wirklich noch beschildert werden müsse, weil doch jeder heute ein Smartphone benutze. Diese Frage stellen sich Gemeinden, die Beschilderung finanzieren müssen genauso wie Wanderhotels, die bei der Angebotsentwicklung eingebunden werden. Auf diese Frage wollten wir eine qualifizierte Antwort geben. Uns hat interessiert, ob und in welchem Umfang Wanderer heute noch klassische Wegemarkierungen nutzen – oder online navigieren.

 

Aber ein paar Schilder kosten doch nicht die Welt.

Das nicht. Die Markierung mag 50 Euro/km kosten, die Beschilderung einer Kreuzung 400 Euro, Planung/Kataster 10.000 Euro. Die Kosten tragen die Kommunen, diese müssen knapp kalkulieren. Die Erstinvestition wird häufig gefördert. Danach wird es für die Kommunen schwieriger: Mit der Förderung ist die Zusage verbunden, das Angebot mindestens zwölf Jahre zu garantieren. Die Infrastruktur hält aber nur acht Jahre. Das ist eine Hypothek für die nachfolgende Haushaltsplanung. Mir ist sympathisch, dass über diese Folgekosten gut nachgedacht wird. Da ist die Frage legitim: Brauchen wir in Zeiten der Digitalisierung noch Schilder? Genau das haben wir für die Studie ermittelt.

 

Brauchen wir?

Als Basisangebot brauchen wir Markierungen und Schilder. 55 Prozent der Wanderer orientieren sich ausschließlich über Markierungen und Wegweisung im Gelände, 37 Prozent verzichten beim Wandern bewusst auf Smartphone und GPS. Diese Einstellung findet sich interessanterweise weitgehend altersunabhängig, also auch bei jungen Menschen.

Auf der anderen Seite nutzen 45 Prozent Smartphone bzw. GPS-Gerät während der Wanderung, 27 Prozent orientieren sich ausschließlich über Smartphone. Mehr als die Hälfte zeigt sich interessiert an digitaler Navigation, hier ist der Anteil der jüngeren deutlich höher.

Ein Wanderangebot kann also differenzieren. Ich empfehle, dass Basisangebote nach wie vor physisch in der Landschaft zu verankern. Weitere Angebote, z. B.  saisonal oder für technikinteressierte Zielgruppen, können dann aufbauend digital angeboten werden. Das ermöglicht Flexibilität in der Produktgestaltung und kann Kosten sparen. Qualitätsstandards in Wegeführung und Wandererlebnis, Zuverlässigkeit und Sicherheit sind auch bei den digitalen Routen ein Thema. Sie müssen sorgfältig gemacht sein. Die Durchgängigkeit einer physisch markierten und einer digitalen Tour ist ebenfalls wichtig. Es wäre sinnvoll, wenn die Darstellung der Routen medienübergreifend harmonisiert.

 

Welche Rolle spielen dabei Apps?

Hier ist das Spektrum besonders breit. Die höchste Verbreitung hat Google Maps, gefolgt von Komoot. Darüber hinaus sind es nicht immer die klassischen Wander-Apps, die Wanderer zum Ziel führen. Wer zum Beispiel unter der Woche viel joggt, benutzt fürs auch beim Wandern Runtastic. Wobei ich auch glaube, dass die Befragten am Ende gar nicht immer genau wissen, wo sie im Internet ihre Information gefunden haben. Die tatsächliche Bedeutung von outdooractive kann höher sein, als in der Studie ermittelt, weil outdooractive hinter zahlreichen regionalen Wanderseiten steht. All diese Apps, mit denen Menschen im Alltag Erfahrung im digitalen Routing haben, sind Türen, die Wanderregionen nutzen können, um auf sich und ihre Angebote aufmerksam zu machen

 

Woher kommen Ihrer Studie nach aber vorher die Impulse für oder gegen eine Region?

Unsere Studie hat sich aber nicht nur das digitale Verhalten angeschaut, wenn die Stiefel schon am Fuß geschnürt sind, sondern auch, wie die Inspirationsphase, die Reisevor- und Nachbereitung aussieht. Wie digital dieser Prozess also ist – oder eben nicht. Die wichtigste Inspirationsquelle für Reiseideen sind Menschen, auch in Zeiten der Digitalisierung. Wanderer hören auf das, was Freunde und Bekannte erzählen und empfehlen. Erst danach kommt das Internet als Impulsgeber bei 42 Prozent unserer Befragten. Dort finden vor allem die Websites der Wanderregionen Beachtung, gefolgt von Facebook und den Routenportalen. Blogs spielen kaum eine Rolle. Durchaus interessant, da viele DMOs aktuell stark in Blogs investieren. ZUR STUDIE