Frank Ketter, Geschäftsführer Nordsee-Tourismus-Service GmbH

Anzeige

Ein Gespräch über die Nordsee als große Marke mit regionalen Besonderheiten, analoge Produkte als Treiber des Erfolgs beim Gast, und weshalb es als DMO nicht sinvoll ist, sich jetzt schon Gedanken über Blockchain und Kryptowährungen zu machen.

 

Herr Ketter, der Mai hat es mit dem Wetter gut gemeint. Kann man von einem Traumstart in die Saison sprechen?

Ja, wir sind sehr zufrieden. Denn gerade das Thema Kurzreisen und Tagesausflüge spielen in dieser Phase der Saison eine sehr wichtige Rolle. Wenn das Wetter dann jetzt schon wochenlang hochsommerlich ist, spielt das unseren Betrieben in die Karten.

 

Wie kurzfristig reagieren Ihre Betriebe auf gutes Wetter? Die Schönwetterlagen verschieben sich ja inzwischen oft schon bis in den April hinein.

Ganz spontan ist zwar schwierig. Aber spätestens mit Beginn der Osterferien stehen die Strandkörbe draußen. Auch die Gastronomie mit Außenbereichen hat das Wetter immer im Blick. Selbst Betriebe, die über den Winter schließen, haben in der Regel ab März wieder geöffnet. In den großen Orten haben die meisten aber inzwischen das ganze Jahr über auf.

 

Also ist die Nordseeküste Schleswig-Holsteins schon eine richtige Ganzjahresdestination?

Das wäre zu viel gesagt. Aber das ist eine unserer Herausforderungen für die Zukunft. Im Sommer sind wir sehr gut gebucht, da sind weitere Steigerungen  schwierig. Aber die Vor- und Nachsaison müssen wir im Marketing bewerben und herausarbeiten, dass man auch im Winter bei uns eine tolle Zeit haben kann. Das Thema Entsaisonalisierung ist für uns den auch ein großes. Aber es gibt noch fünf weitere Zukunftsfelder: „Nachhaltigkeit“,  „Demografische Wandel vor Ort“, „Tourismus und Förderpolitik“, „Marketing- und Vertrieb“ sowie „Gäste/Quellmärkte/Motive“. Dazu haben wir jeweils Projekte definiert. Wir als Nordsee Tourismus Service (NTS) können diese Themen aber alleine nicht lösen.

 

Weil Sie zu den Quellmärkten zum Beispiel gar keine eigene Marktforschung machen?

Selbst nicht, aber wir geben Marktforschung in Auftrag. Wir arbeiten recht intensiv mit dem NIT, dem Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa, zusammen. Aber wir bedienen uns auch Daten der FUR Reiseanalyse, des dwif oder von DestinationBrand. Aber es wäre gut, wenn Marktdaten das ganze Bundesland betreffend von der TA.SH kämen, und wir das nur noch herunterbrechen und eventuell für unsere Zwecke ergänzen müssten.

 

Ist die Nordsee eigentlich eine richtige Marke? Oder eher ein Gefecht verschiedener DMOs, die sich über zwei Bundesländer und Länder verteilen?

Die Nordsee ist zweifelsohne eine der bekanntesten Marken in Deutschland. Und eine positiv besetzte und sympathische obendrein. Alle Submarken werden durch diesen Obergriff zunächst einmal aufgeladen. Der Gast aber nimmt die Tourismusstrukturen der einzelnen DMOs nicht so wahr wie wir. Es gibt Gäste, die können gar nicht genau sagen, ob Norderney in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein liegt. Trotzdem gibt es natürlich Unterschiede, die wir regional herausarbeiten. Ein Urlaub auf einer Insel ist beispielsweise anders als auf dem Festland. Und verschiedene Aspekte bringt ja jede Destination mit sich. Berlin steht ja auch nicht bloß für ein Thema und eine Zielgruppe.

 

Erzählen Sie uns etwas mehr über Ihre Quellmärkte, die Gästestruktur und -Zahlen?

In den vergangenen Jahren hatten wir stetige Steigerungen sowohl bei den Gästeankünften wie bei den Übernachtungen. Bei den Quellmärkten hat sich dagegen wenig verändert. Die meisten Reisenden kommen aus NRW, gefolgt von Niedersachsen und Hamburg. Im Ausland sind unsere wichtigsten Märkte die Schweiz, Österreich und Dänemark. Speziell aus der Schweiz beobachten wir ein kontinuierliches Wachstum in den letzten Jahren. 98 Prozent unserer Gäste kommt aus dem deutschsprachigen Raum.

 

Wie funktioniert die Abstimmung mit der TA.SH – und vielleicht auch DMOs in Niedersachsen?

Bei der TA.SH gab es längere Zeit eine Interimslösung. Dort wird jetzt gerade vieles von der neuen Geschäftsführung neu geordnet. Wir sind aus beihilferechtlichen Gründen kein Gesellschafter mehr, aber Mitglied im Marketingbeirat, wo darüber gesprochen wird, was in Zukunft umgesetzt werden soll. Das war genau genommen schon immer so. Aber in Sachen Pressearbeit, Auslandsmarketing und Marktforschung soll die Zusammenarbeit mit der TA.SH künftig intensiviert werden. Davon würden alle DMOs an Nord- und Ostsee profitieren. Denn wir können nicht allein jeden Quellmarkt aufmischen. Und mit den Kollegen in Niedersachsen würden wir uns eine tiefere Zusammenarbeit wünschen, allerdings ist dort gerade einiges im Umbruch.

 

Bitte erzählen Sie uns etwas über die deutsch-dänische Zusammenarbeit im Tourismus. Was für Projekte gibt es da?

Gerade gibt es ein INTEREG 5A-Projekt mit dem etwas sperrigen Namen „Nachhaltiger Natur- und Kulturtourismus im UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer“. Kurz: NAKUWA (lacht). Hintergrund ist die Entwicklung nachhaltiger Erlebnisbausteine wie Birdwatching, Wander- und Radangebote. Aber auch den ÖPNV und eine gemeinsame E-Learning-Plattform gehen wir an. Es herrscht die Erkenntnis vor, dass es Sinn macht, bei den Themen Wattenmeer und Qualität zusammenzuarbeiten – und voneinander und übereinander zu lernen.

 

Wie funktioniert die Zusammenarbeit in Ihrer Organisation?

Wir haben acht zahlende Gesellschafter, die ebenfalls über einen Marketingbeirat mitentscheiden. Das sind die Kreise Nordfriesland und Dithmarschen, Sylt Marketing, Föhr und Amrum, die Nordfriesland Tourismus GmbH, die LTO St. Peter Ording, Dithmarschen Tourismus und die Touristische Arbeitsgemeinschaft Nordsee, ein Zusammenschluss von Helgoland, Nordstrand, Pellworm, Husum und den Halligen. Das Gute: All unsere Gesellschafter sind Tourismusorganisationen. Die Wahrscheinlichkeit, sich dann auch auf Maßnahmen zu einigen ist deutlich größer, als wenn noch Gesellschafter aus der Privatwirtschaft dabei wären. Hoteliers und andere schauen erfahrungsgemäß doch stärker auf ihren eigenen Nutzen als aufs große Ganze.

 

Wie viel Ihres Budgets kommt von den Gesellschaftern und wieviel erwirtschaften Sie selbst?

Das schwankt. Aber die Größenordnung liegt so bei ca. 50 Prozent Einnahmen aus den Gesellschafterbeiträgen. Und 50 Prozent nehmen wir selbst ein, wobei hier auch Fördermittel inbegriffen sein können. Wir haben zum Beispiel auch Provisionseinnahmen über unser Buchungssystem auf der Website, wo wir mit einer White-Label-Lösung von HRS Destination Solution arbeiten.

 

Stichwort Technologie und Online-Vertrieb: Wie getrieben ist die Branche gerade von Tech-Unternehmen?

Ich denke, man sollte entspannt bleiben. Die Diskussion um die Digitalisierung unserer Branche gibt es ja nicht erst seit heute. Was  ein bisschen untergeht ist die Tatsache, dass zuallererst gute Produkte entscheidend für den Erfolg einer Region sind. Ein schlechtes Produkt bekommen Sie auch über noch mehr Kanäle und mit Hilfe von Bots nicht gut verkauft. Der Kern unseres Geschäfts bleibt das analoge Erlebnis. Erst danach steht die Frage, wie ich dieses vertreibe und ins Gespräch bringe. Es ist deshalb auch nicht die Aufgabe der DMOs Innovationstreiber für neue Technologien zu sein, sondern zu schauen, was es gibt. Sich als DMO Gedanken über Blockchain und Kryptowährungen zu machen, halte ich aktuell nicht für zielführend.

 

Aber glauben Sie nicht auch, dass gerade die neuen digitalen Vertriebswege ihren Anteil an den seit acht Jahren stetig steigenden Buchungszahlen haben?

Natürlich auch. Wer von den neuen Online-Buchungsmöglichkeiten profitiert, sind sicher unbekanntere Orte. Das sehen wir bei uns auch. Wer gezielt nach einem bekannten Ort wie St. Peter-Ording sucht, wird diesen finden und buchen. Wer aber über externe Systeme sucht, bekommt meist noch Alternativen vorgeschlagen. Dass zu uns heute mehr Gäste kommen als früher, liegt aber vielmehr an den öffentlichen Investitionen in die touristische Infrastruktur und daran, dass sich daran private Investitionen im Hotelbereich angeschlossen haben. Gute analoge Produkte, das sind die Treiber!

 

Mit Blick auf Ihre Destination: Was sind aktuell die Themen, die Sie vorantreiben?

Die größte Herausforderung ist immer, die wichtigen Akteure ein Thema betreffend an einen Tisch zu bekommen. Dann können wir die Entwicklung neuer Produkte und die Themen Service und Qualität gemeinsam vorantreiben. Für uns ein Dauerbrenner ist außerdem unsere Erreichbarkeit. Wir sind ganz weit oben im Norden von Deutschland. Die Autobahn ist oft sehr voll. Und die Marschbahn von Hamburg nach Westerland macht seit zwei Jahren große Probleme. Auch hier suchen wir für unsere Gäste natürlich nach Lösungen.