Dr. Heike Döll-König, Geschäftsführerin Tourismus NRW

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Ein Gespräch über den anstehenden Tourismustag NRW, warum viele ein falsches Bild vom Begriff Innovation haben, und weshalb die Branche aufpassen muss, nicht die Hoheit über die eigenen Themen zu verlieren.

 

 

Frau Döll-König, am 9. November findet zum zweiten Mal der Tourismustag NRW statt. Wie wird die Veranstaltung angenommen – und was war der Impuls das Format zu beginnen?

Wir haben für dieses Mal gut 300 Anmeldungen, damit sind wir sehr zufrieden. Vor zweieinhalb Jahren haben erstmals zu diesem Format eingeladen. Und wir haben festgestellt, dass es gut ist, sich auch in größerem Rahmen mit übergeordneten Fragestellungen auseinanderzusetzen und diesbezüglich zu vernetzen. Aber der Tourismustag NRW hat auch damit zu tun, dass das Thema Innovation für uns im Verband eine immer größere Aufgabe darstellt.

 

Bitte erläutern Sie das.

Wir haben unsere digitale Strategie mittlerweile als eigene Einheit direkt bei der Geschäftsführung aufgehängt. Dazu haben wir bereits drei Mal ein digitales Trendmagazin herausgebracht, unsere Kompetenznetzwerke haben wir zu Innovationsnetzwerken umgebaut. Und wir haben eine landesweite Innovationswerkstatt auf den Weg gebracht. Der ganze Komplex Innovationsmanagement ist für uns als Landesverband also ein Riesenthema. Und der Tourismustag NRW ist ein Format, das uns erlaubt, diesbezüglich mit den Tourismusorganisationen und den Leistungsträgern gemeinsam über den Tellerrand unseres Landes hinauszuschauen.

 

Was sind die Top-Themen, zu denen Sie Referenten eingeladen haben?

Digitalisierung, Innovation und digitale Transformation. Unser Keynotespeaker Gabor Janszky, ein Trend- und Zukunftsforscher, wird anhand von Beispielen zeigen, mit welchem Tempo diese Transformation alle Lebensbereiche durchdringt und verändert. Vieles spüren wir zwar noch nicht in seiner ganzen Tragweite, aber wir müssen uns darauf einstellen. Ob etwa ein Leistungsträger meint, er brauche die Digitalisierung persönlich so derzeit nicht, wird den Lauf der Dinge nicht ändern. Das ist für eine nachfrageorientierte Branche wie die unsere wichtig zu erkennen. Uns hat auch niemand gefragt, ob wir online für unsere Flüge einchecken wollen. Solche Entwicklungen werden beim Kunden aber innerhalb weniger Jahre zur Gewohnheit.

 

Haben die Touristiker in NRW eher den Willen Entwicklungen proaktiv mitzugehen – oder müssen Sie als Landesorganisation wie eine Lokomotive ziehen?

Wir müssen in zwei Geschwindigkeiten agieren. Einerseits haben wir ein analoges Alltagsgeschäft, also den direkten Service mit dem Kunden. Wir haben aber andererseits die digitalen Services von der Buchung über Bewertungsportale bis zu Social Media-Plattformen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie wir vor dem Hintergrund immer neuer Marktteilnehmer, neuer Plattformen und Technikanbieter unsere Geschäftsmodelle weiterschreiben können. Wir als LMO müssen also die Spreizung schaffen, einerseits den Alltag der Leistungsträger im Heute im Blick zu behalten, andererseits immer schon den Schritt weiter zu denken.

 

Was ist dabei in Ihren Augen die größte Herausforderung?

Über allem steht die Frage: Wo erreichen wir unsere Kunden? Sind unsere Websites noch der Dreh- und Angelpunkt für Inspiration und Informationsbeschaffung? Von sich aus ist der Gast auf den großen Plattformen im Netz unterwegs. Also ist die Herausforderung, unseren wirklich guten Content dort auszuspielen, wo der Kunde ihn findet. Wir müssen also den Kunden individuell mit unseren Inhalten finden – nicht der Kunde unseren Content. Das ist ein Ansatz, den wir verfolgen. Die großen Portale und OTAs haben übrigens in den letzten Jahren auch schon selbst viel Content innerhalb ihrer Seiten aufgebaut. Es geht für uns also auch darum, die Hoheit über unsere Themen zu behalten.

 

Was sind eigentlich in Ihren Augen Innovationen?

Ich glaube zunächst einmal, dass viele eine falsche Vorstellung von dem Begriff haben. Viele meinen Innovationen würden nur in Forschungslaboren oder Technologieunternehmen entstehen und müssten revolutionäre Ansätze in sich tragen. Dabei muss eine Innovation nicht gleich marktradikal sein. Wir wollen das Thema daher über unsere landesweite Innovationswerkstatt in den Regionen so besetzen, dass eine permanente Veränderungsbereitschaft entsteht. Viele Innovationen sind erst einmal für die Betriebe selbst sinnvoll, weil sie ihnen helfen, im Alltag besser zu werden.

 

Ein wichtiges Thema des Tourismustages ist auch das Tagungsgeschäft der Zukunft. Bitte erzählen Sie uns etwas darüber.

Das MICE-Geschäft verändert sich. Deshalb haben wir gerade eine Befragung unter 1000 Tagungsteilnehmern gemacht, um die tatsächlichen Bedarfe zu klären. Worauf legen Kunden eigentlich wert bei einer Tagung oder einem Kongress? Welche Rolle spielt die Ortswahl? Welche Bedeutung hat das Thema Netzwerken vor Ort – und was für Formate und Technik braucht man dafür? Wie wichtig ist die digitale Unterstützung und wie sehen da die neuen Standards aus? Welche Rolle spielen neue Formate oder auch mal Rückzugsmöglichkeiten– und was bedeutet das für die Räumlichkeiten? Aktuell läuft die Auswertung.

 

Wenn Sie derlei Dinge anstoßen, besonders auch im B2B-Bereich, etwa über ihr digitales Trendmagazin: Zielt diese Kommunikation bewusst auch über NRW hinaus?

Was wir tun, tun wir erst einmal für NRW. Aber ich bin immer für den Austausch untereinander. Auch dann, wenn wir natürlich im Wettbewerb stehen. Heimlich versuchen Dinge anzustoßen und unbemerkt vom Rest der Branche an den Markt zu bringen, ist für einen Landesverband ohnehin ziemlich unrealistisch.

 

Mit Blick auf den Deutschlandtourismus: Was sind hier die brennendsten Themen?

Was uns fast alle beschäftigt, ist die Frage nach der eigenen Rolle der DMO in der Zukunft. Wie werden die Prozesse unsere Strukturen verändern? Und wie schaffen wir es trotz allen Herausforderungen, das Erfolgsmodell zwischen Öffentlicher Hand und privatwirtschaftlichem Arbeiten so zu erhalten, dass es die Branche weiter nachhaltig trägt. Und ich denke, der Grad an Spezialisierung wird im Bereich datengetriebener Modelle noch so stark wachsen, dass wir lernen müssen das ein oder andere loszulassen. Ich selbst auch.